Ein ruhiger Typ, der im Boot geradezu explodiert


Nachwuchsruderer Christopher Reinhardt kommt vor allem im Boot aus sich heraus.


Auf der Langstrecke wurde er gemeinsam mit Laurits Follert Erster.


Auch ansonsten geben die beiden ein schlagkräftiges Duo ab. "Es passt perfekt, wir ergänzen uns gut", meint Reinhardt.


Im U23-Achter gewann Reinhardt in diesem Jahr bei der U23-WM Bronze.


Im Studium zwischen Medizin und Chemie
Aktuell befindet sich Christopher Reinhardt in einem Pflege-Praktikum in einem Krankenhaus in Dortmund. Eigentlich will er Medizin an der Ruhr-Universität Bochum studieren. Weil er dafür aber noch einige Wartesemester vor sich hat, will er die Zeit sinnvoll nutzen. Neben den Praktika hat er auch schon zwei Semester Chemie-Ingenieurswesen studiert. „Doch ich möchte lieber etwas machen, bei dem ich mehr mit Menschen in Kontakt komme.“

Bei der DRV-Langstrecken-Regatta in Dortmund hatten ihn die wenigsten auf dem Zettel und doch landete Christopher Reinhardt mit Laurits Follert im Zweier ganz vorne. Vielleicht liegt es daran, dass der 19-Jährige eher ein ruhigeres Gemüt ist. Wenn er aber im Ruderboot sitzt, explodiert Reinhardt förmlich. „Wir haben gewusst, dass wir gut drauf sind, aber Erster zu werden, das war ein Traum“, sagt der Dorstener, der auch auf dem Ergometer überzeugte und seine Bestmarke einstellte.

Sport war für Reinhardt schon immer ein wichtiger Teil des Lebens. Der 2,01 Meter große Modellathlet fing mit drei Jahren mit dem Schwimmen an, spielte auch Basketball und Fußball – bevor ihn schließlich die Ruderleidenschaft packte. Weil sein Nachbar Ulrich Pollener, ehemaliger Deutscher Meister im Leichtgewichts-Achter, immer wieder von den Geschichten im Großboot erzählte und auch seine ältere Schwester Charlotte schon ruderte, stieg Christopher Reinhardt mit elf Jahren erstmals in ein Gig-Boot.

Entspannung beim Fagottspielen
„Ich habe schnell gemerkt, dass mir der Sport liegt“, sagt Reinhardt, der immer mehr trainierte und die anderen Sportarten dafür ruhen ließ: „Der Teamaspekt hat mir besonders gefallen.“ Beim RV Dorsten fand er zügig Anschluss, besetzte unter Trainer Sebastian Schmelzer hauptsächlich den Vierer. Die Anfangsjahre verliefen allerdings nicht immer ganz einfach. „Teilweise waren wir bei den Rennen fast ganz hinten, haben einige Klatschen kassiert. Das war grauenvoll, ich wollte mehr“, erinnert sich Reinhardt, der sich im privaten Umfeld ungerne so einem Druck aussetzt und Entspannung beim Fagottspielen findet.

Der Umschwung kam im zweiten Junioren-B-Jahr. Hoffnungen auf Medaillen hatte Reinhardt zu diesem Zeitpunkt nicht wirklich. Als er sich aber immer häufiger in den Einer schwang und alleine seine Runden drehte, merkte er: „Es kann ja doch ganz schön schnell abgehen.“ Also probierte er sich auf der Langstrecke im Einer und holte 2013 in Oberhausen gleich Gold. Im Doppelvierer sicherte er sich bei der Deutschen Junioren-Meisterschaft außerdem den Vizetitel. Und plötzlich stand er vor einer ganz neuen Ruderperspektive.

Sieben Kilogramm in einem Winter runter
Um den Weg weiter nach oben zu klettern, veränderte Reinhardt auch seine Ernährung. In einem Winter verlor er mit viel Disziplin sieben Kilogramm Körpergewicht. „Das war ein gutes Gefühl. Ich habe die Trainingsintensität gesteigert und mich vor allem bei süßen Sachen zurückgehalten, das ist nämlich meine kleine Schwäche“, verrät Reinhardt. Der Weg ging weiter aufwärts mit kleinen Schlenkern: Im ersten Junioren-A-Jahr stoppte ihn eine Krankheit, so verpasste er knapp die WM, durfte dafür aber zum Baltic-Cup, wo er mit dem deutschen Vierer zweimal Gold holte. „Ich war schon stolz, das erste Mal den Adler auf der Brust tragen zu dürfen. Das hat mir nochmal einen Schub gegeben“, sagt Reinhardt.

„Will in eines der grünen Boote“
Im vergangenen Jahr durfte er mit zur Junioren-Weltmeisterschaft, nachdem er im Vierer ohne Steuermann innerhalb von Deutschland dominiert hatte. Von der WM in Rio kam Reinhardt mit Bronze zurück – und mit einem großen Ziel: „Eines Tages will ich in einem der grünen Wilo-A-Boote sitzen.“ In diesem Jahr ist er seinem Ziel einen Schritt näher gekommen: Reinhardt saß im U23-Achter, der bei der WM schon in „grün“ Bronze holte, auch mit dem Auftritt bei der Langstrecke hat er aufhorchen lassen. Und in Dortmund hat er in einer WG den Platz von Maximilian Munski eingenommen. Ein gutes Omen? „Ich will mich Schritt für Schritt entwickeln, vor allem an meiner Technik arbeiten. Das nächste Ziel ist wieder die U23-WM“, sagt Reinhardt, der ein Harmonie liebender Mensch ist, seine Position aber verteidigt, wenn es darauf ankommt: „Ich will immer mein Bestes geben.“

Mittlerweile ist vieles für Reinhardt zur Routine geworden, aufgeregt ist er trotzdem vor den Rennen: „Vor den Wettkämpfen bin ich ein bisschen hibbelig, früher war das noch extremer. Ich mache mir oft zu viele Gedanken. Um die Anspannung in den Griff zu bekommen, habe ich mir einige Rituale geschaffen.“ So legt er sich unmittelbar vor den Wettkämpfen gerne nochmal kurz hin. Bevor das Rennen startet, klopft sich Reinhardt traditionell zweimal auf die Oberschenkel. Und dann geht es nur noch mit voller Power voraus.


07.12.16 I Felix Kannengießer