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Achter im TV
Sportlich unterwegs (WDR, vom 15.10.2011, 15 Minuten)

Vision Gold (N24, vom 28.10.2011, 22 Minuten)

Was macht eigentlich... Ansgar Wessling


Ansgar Wessling
im Deutschland-Achter


Der sportliche Höhepunkt: Ansgar Wessling (2.v.r.) bei der Siegerehrung,  Olympiasieg in Seoul 1988


Ansgar Wessling als Co-Schlagmann hinter Roland Baar


Ansgar Wessling heute, ein erfolgreicher Unternehmer



Ansgar Wessling: Autorennen waren nach der Ruderkarriere seine neue Herausforderung...


...bis ein Unfall dieser "Freizeitbeschäftigung" ein Ende bereitete.

O-Ton von Ansgar Wessling zum Finale von Seoul 1988, gemeinsam mit Reporter Günter Maletzko (sportschau.de)

Homepage von Hörgeräte Wessling

Ansgar Wessling ist einer der wenigen, denen es gelang, sich die Krone des Rudersports aufzusetzen. Am 25. September 1988 wurde er in Seoul Olympiasieger mit dem Deutschland-Achter. Doch maßgeblich veränderte sich sein Leben 20 Jahre später an einem anderen Tag: Der 3. Oktober 2008 war viel prägender für sein heutiges Leben. Wir trafen den 48-Jährigen, der in Essen sieben Hörgeräte-Geschäfte betreibt, beim Italiener im Essener Stadtteil Rüttenscheid.

Was machen Sie heute, über 20 Jahre nach dem größten Erfolg in Ihrer Ruderkarriere?
A
nsgar Wessling:
Ich stehe mitten im Leben. Ich lebe das Leben bewusst, intensiv und wahrnehmend. Aber erst seit kurzer Zeit. Vor gut einem Jahr hatte ich ein einschneidendes Erlebnis. Am 3. Oktober 2008 bin ich dem Tod von der Schippe gesprungen. Ich habe Mist gebaut, in dem ich mit dem Motorsport angefangen habe. Und es musste ein Porsche sein, weil ich sehr materiell erzogen worden bin. Meine Frau hat mich immer gewarnt, aber das habe ich verdrängt. Es ging fünf Jahre gut, aber dann habe ich erlebt, wie lebensgefährlich dieser Sport ist.

Schildern Sie, was passiert ist...
Ich bin abgeschossen worden. Ich habe keinen Fahrfehler begangen. Dass ein anderer in meinen Wagen fuhr und damit für den Unfall verantwortlich war, lasse ich nicht als Entschuldigung gelten. Es war ja meine eigene freie Entscheidung, dass ich diese Form der Freizeitbeschäftigung gewählt habe.

Sie haben vorher auch im Rennauto viele Erfolge gefeiert. Haben Sie die schönen Momente nach diesem Vorfall vergessen?
Nein, ganz und gar nicht. Ich habe viele schöne Momente auf meiner Festplatte gespeichert. Wenn nicht die Verantwortung für meine Familie und meine Mitarbeiter wäre, würde ich wieder in so ein Auto steigen. Aber ich bin ja ein Versehrter, einiges ist zurückgeblieben. Es wird definitiv keinen Motorsport mehr in meinem Leben geben.

Was für Schäden haben Sie davongetragen?
Meine Hüfte ist irreparabel zerstört. Aber Rudern kann ich zum Glück wieder mit ein paar Einschränkungen. Seit sechs Jahren sitze ich in meinem Heimatverein am Baldeneysee, dem TVK Essen, wieder regelmäßig im Ruderboot – und zwar wieder mit großer Freude und Hingabe.

Haben Sie nach Ihrem Karriereende 1992 überhaupt keinen Sport getrieben?
Danach habe ich drei Jahre mehr oder weniger unsystematisch abtrainiert und meinen Körper dann nur noch durch Zufuhr von Rot- und Weißwein belastet. Erst vor ein paar Jahren, nach der Geburt meiner jüngsten Tochter, habe ich wieder mit dem Sport begonnen. Ich gehe noch Schwimmen, in die Muckibude und mache Nordic Walking. Aber wenn ich im Ruderboot sitze und das Boot auf dem Wasser zu gleiten beginnt – das ist großartig.

Kommen wir zum Beruflichen. Sie sind Hörgeräte-Akustiker und haben in Essen ihr eigenes Unternehmen aufgebaut. Wie kam es dazu?
Ich habe mich Ende 1993 selbständig gemacht und seitdem ist mein Unternehmen auf sieben Betriebsstätten mit 30 Mitarbeitern gewachsen. Es ist ähnlich wie früher im Leistungssport. Man muss neben einer gewissen Zielorientiertheit auch eine gewisse Egozentrik an den Tag legen. Ohne das Ausleben einer so starken Egozentrik kommt man nicht so weit. Dazu kommt, dass wir damals als Mannschaft ständig hofiert wurden. Wir saßen mit dem Bundeskanzler an einem Tisch und schüttelten viele Hände. Und wenn diese Form der Aufmerksamkeitszuwendung dann abrupt aufhört und abbricht, braucht man eine Alternative. Bei mir ist der Beruf eine wunderbare Plattform, auf der ich mich austoben kann. Der Beruf gibt mit viel Zuwendung, sei es durch das Lob meiner Kunden oder durch meine Mitarbeiter, von denen ich viel zurückbekomme.

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?
Vor dem Unfall stand ich von morgens bis abends im Laden und im Kundenkontakt. Die Verwaltung und Organisation habe ich noch vor oder nach Ladenschluss erledigt. In Folge des Unfalls wurde mir bewusst: Das geht zu lasten meiner Familie. Jetzt genieße ich es sehr, tagsüber meinem Sohn beim Schwimmtraining zuzuschauen oder mit meinem anderen Sohn für eine Mathearbeit zu lernen.

Sie klingen, als seien Sie rundum zufrieden...
Ich würde es so formulieren: Ich bin zufrieden mit den materiellen Dingen und auf dem Weg zum Glück.

Das müssen Sie näher beschreiben. Was ist für Sie Glück?
So wie es läuft, ist es ein Stück weit Glück, aber nicht alles. Das Leben ist so facettenreich, es bietet so viel, man muss es nur annehmen. Dass mich dieser Idiot damals von der Piste abgeschossen hat, ist eines der größten Geschenke gewesen. Manchmal muss man mit einer großen Latte eins drauf kriegen, damit einem Dinge erst bewusst werden. Und dabei birgt der Leistungssport die Gefahr, dass man nur sich selbst sieht. Man muss den Spagat zwischen sportlicher Entwicklung und der beruflichen Ausbildung hinbekommen. Dann entwickelt man Fähigkeiten, die einen überproportional großen wirtschaftlichen Erfolg garantieren. Das ist aber erst der erste Schritt zur wirtschaftlichen Zufriedenheit. Um das wahre Glück zu erreichen, muss man noch viel weiter gehen...

Infokasten:
„Aus meiner sportlichen Vergangenheit konnte ich viele positive Attribute auf mein Berufsleben projizieren. Als Team geschlossen auftreten, ein Ziel vor Augen und Freude an der Leistung haben – mir ist es gelungen, all das auf die Mannschaft in meinem Unternehmen zu übertragen.“

Ansgar Wessling betreibt in Essen sieben Filialen seines Unternehmens Hörsysteme Wessling. Überaus erfolgreich verlief auch seine Zeit als Ruderer des Deutschland-Achters, die gleich mit dem Triumph bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul begann. Als einziger Ruderer aus dem Olympia-Achter saß er auch ein Jahr später bei der WM in Bled im deutschen Ruder-Flaggschiff und wurde Weltmeister. Zwei Jahre später feierte er in Wien seinen zweiten WM-Titel im Deutschland-Achter. Seine Karriere beendete er mit 31 Jahren nach dem Gewinn von Olympia-Bronze 1992 in Barcelona. Seine Erkenntnis heute: „Es passte nicht mehr. Ich hatte damals keinen Spaß mehr. Die absolute Begeisterungsfähigkeit für den Rudersport war Stück für Stück abhanden gekommen. Ich habe ein Jahr zu spät aufgehört, aber wollte die Olympischen Spiele natürlich noch einmal erleben.“

Er fuhr fünf Jahre lang beim Porsche Sports Cup um den Sieg mit, unter anderem auf den Formel-1-Rennstrecken Hockenheimring, Nürburgring und im belgischen Spa-Francorchamps; bis zum Unfall am 3. Oktober 2008 auf dem Hockenheimring.

06.04.10 | von Carsten Oberhagemann