„Ich habe immer auf eine gute Balance geachtet“


Philipp Stüer durfte in seiner Ruder-Karriere einige Highlights erleben.


Steckbrief

Geb.-Datum: 20.10.1976

Größe: 1,94 m

Gewicht: 93 kg

Beruf: Ingenieur

Vereine zur aktiven Zeit: Ruder-AG des St. Antonius Gymnasiums Lüdinghausen / RV Lüdinghausen, RV Münster

Aktueller Verein: RV Münster

Noch aktive Sportarten: Rudern

Größte sportliche Erfolge: Weltmeister, mit dem U23-Achter (1997), dem Vierer ohne Steuermann (2002) und dem Deutschland-Achter (2006); Weltbestzeit im Vierer ohne Steuermann (2002-2012)

Tipp für die aktuelle Generation: Macht euch ab und zu Gedanken, wo ihr in 4 und 8 Jahren stehen wollt (nicht nur auf welchem Siegertreppchen).



Stüer im Achter, unten eingeklinkt ein aktuelles Bild.


Stüers alte Autogrammkarte im Vierer ohne Steuermann.


Bei der Promotion hatte Stüer sichtlich Spaß.
  

Stüer an seinem aktuellen Arbeitsplatz.




Philipp Stüer ist dreifacher Ruder-Weltmeister, mit dem U23-Achter (1997), dem Vierer ohne (2002) und dem Deutschland-Achter (2006). Heute arbeitet er im Produktmanagement für Reparaturen und Modernisierungen bei der SMS group GmbH, einem weltweit führenden Unternehmen des Maschinen- und Anlagenbaus für die Verarbeitung von Stahl und NE-Metallen.

Werdegang immer vorbereitet

Seinen beruflichen Werdegang hat der zielstrebige Münsteraner im Hintergrund immer vorbereitet. „Ich habe das auch gebraucht als Ausgleich neben dem fordernden Training. Ich habe da immer auf eine gute Balance geachtet“, sagt der 39-Jährige: „Der Rudersport hat mir später auch im Beruf geholfen. Die Konzentration auf sich selbst, die Arbeit im Team und der Umgang mit Rückschlägen, das habe ich während meiner Ruderzeit gelernt.“

Stüer durfte in seiner Karriere einige Highlights miterleben. Die siegreichen WM-Finals hat er natürlich in besonderer Erinnerung: „Sie waren vom Charakter her alle unterschiedlich.“ Vor allem 2002 in Sevilla war es ein echter Bord-an-Bord-Kampf mit einem hauchdünnen Vorsprung und Weltbestzeit. „Das war Wahnsinn und ein Beispiel dafür, warum Rudern so eine tolle Sportart ist“, sagt Stüer.

Erstes Olympia ein "überragendes Ereignis"

Bei den Olympischen Spielen 2000 war er in Australien als Ersatzmann dabei. „Dieses Ereignis an sich war damals überragend für mich und hat viel Enttäuschung kompensiert“, sagt Stüer. Eigentlich hatte er gehofft, im Vierer ohne Steuermann zu sitzen, der kurz vor Olympia unter anderem zu seinen Ungunsten umbesetzt wurde. Auch beim zweiten olympischen Versuch wurden seine Erwartungen enttäuscht. Der ehrgeizige Stüer hatte sich mittlerweile einen Rollsitz im Vierer ohne Steuermann erarbeitet – kurz vor den Spielen in Athen wurde das erfolgreiche Quartett aber gesprengt, weil Paul Dienstbach krankheitsbedingt ausfiel. So kam der kurzfristig umbesetzte Vierer nicht über den siebten Platz hinaus. „Da hatten wir ganz andere Ansprüche als bei Olympia vier Jahre zuvor. Das war schon ein Schlag“, blickt Stüer zurück.

Auszeit in Mexiko

Im Jahr darauf nahm sich Stüer eine Auszeit vom Leistungssport. Vier Monate verbrachte er in Mexiko, in der 1,5-Millionen-Einwohner-Stadt Puebla bei einer Gastfamilie, um sein Maschinenbau-Studium voranzutreiben. Bei einem Automobil-Zulieferer tüftelte er an seiner Studienarbeit. „Das Leben dort war sehr lehrreich“, sagt Stüer. Eine Weile trainierte er gar nicht, um den Kopf einmal freizukriegen und zu regenerieren. Ganz konnte er den Sport dann aber auch nicht sein lassen und stieg noch in Puebla wieder ins Training ein: „Das hatte ein bisschen was von Höhentrainingslager, in über 2100 Metern Höhe Ergometer zu fahren.“

Nach seiner Auszeit in Mexiko kehrte Stüer stark zurück, schaffte mit seinem langjährigen Zweierpartner Bernd Heidicker den Sprung in den Deutschland-Achter, mit dem er 2006 in Eton Weltmeister und 2007 in München Vizeweltmeister wurde. Die Chance auf eine olympische Medaille blieb ihm jedoch abermals verwehrt. Kurz vor Olympia formierte der Deutsche Ruderverband den Achter neu. Stüer beendete daraufhin seine Karriere. „Ich hatte das Ziel 2008 mit einer Olympiamedaille aufhören, was die Enttäuschung noch verstärkte. Ich war 32 Jahre alt und der Meinung: Entweder du betreibst den Leistungssport ganz oder gar nicht. Daher konzentrierte ich mich nach dem Olympia-Aus voll auf meinen Beruf.“

Promoviert in Aachen

Direkt nach dem Karriereende suchte er die Herausforderung an der RWTH Aachen, wo er als Wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig war und schließlich promovierte. „Die Umorientierung habe ich nach dem Trouble um Peking auch gebraucht“, sagt er. Seit 2014 ist Stüer fest in seinem Beruf. Bei der SMS group GmbH entwickelt er Produkte, um Maschinen zu optimieren. Repariert und modernisiert werden Maschinen und Anlagen zur Metallerzeugung und –verarbeitung. Beginnend bei Hochöfen bis zu Maschinen für die Herstellung von Halbzeugen. „Das breite Spektrum ist die Herausforderung, die ich schätze“, sagt Stüer, der aktuell auch an der Erschließung neuer Märkte zum Beispiel im Iran und Russland beteiligt ist: „Langweilig wird es hier nie.“

Viele von Stüers Kontakten aus der Ruderzeit sind trotz der beruflichen Entwicklung bis heute geblieben. Mit seinen damaligen Kollegen aus dem Vierer und dem Achter verbindet ihn noch immer viel. „Wir haben uns menschlich unheimlich gut verstanden. Das sind Freundschaften fürs Leben“, sagt er. Sogar mit den ersten Ruderkollegen vom RV Münster trifft er sich nach über 25 Jahren heute noch.

Dem Rudern treu geblieben

Stüer lebt aktuell in Köln zusammen mit Nicole Zimmermann, selbst Ruderin und 2003 Weltmeisterin im Frauenachter. Im gleichen Jahr hat Stüer seine Freundin lieben gelernt – natürlich beim Rudern in Luzern. Vor kurzem sind die beiden in ein eigenes Häuschen eingezogen und momentan mit der Renovierung beschäftigt. Da bleibt für Sport nicht mehr allzu viel Zeit. „Dem Rudern bin ich aber treu geblieben. Ein- bis zweimal die Woche zieht es mich aufs Wasser. Übrigens im ehemaligen Boot von Bernd Heidicker und mir“, verrät Stüer.

02.05.16 I von Felix Kannengießer