Erfahrungen aus dem Boot helfen im Wirtschaftsleben


Dirk Balster

Steckbrief

Geb.-Datum: 19.07.1966

Größe: 1,95m

Gewicht: 94 kg

Beruf: Kaufmännischer Geschäftsführer eines Krankenhauses

Verein zur aktiven Zeit: RV Dorsten

Aktueller Verein: RV Dorsten

Noch aktive Sportarten: Rudern, Angeln

Größte sportliche Erfolge als Ruderer:
3 x Weltmeister im Deutschlandachter (1989-1991), 4. Platz Olympia 92 (4-); 7. Platz WM 1987 (4+, damals olympisch)

Tipp für die aktuelle Generation: "Nie hauptberuflich rudern!"



Dirk Balster im Einer unterwegs.


Erst kürzlich besuchte Dirk Balster seinen früheren Ruderkollegen Matthias Ungemach in Sydney, Australien. 

Was macht eigentlich… Dirk Balster?

In unserer Serie „Was macht eigentlich…?“ stellen wir Ruderer vor, die vor einiger Zeit im Deutschland-Achter erfolgreich waren, und zeigen, wie sich ihr Leben nach dem Leistungssport verändert hat.

Für Dirk Balster ist der Geist des Ruderns noch immer allgegenwärtig. Rund zwei Jahrzehnte nach dem Karriereende arbeitet er als kaufmännischer Geschäftsführer bei einem kommunalen Krankenhauskonzern und auf der Suche nach Verbesserungen im Unternehmen zieht er häufig den Vergleich zu den Leistungsstrukturen im Ruderboot.

Vor einigen Monaten erst erhörte Dirk Balster den Ruf des Klinikums in Chemnitz. "Ich muss mich hier noch ein wenig einsortieren", gesteht Balster. Der Achter-Weltmeister (1989-1991) war zuvor viele Jahre als Unternehmensberater tätig, zuerst für das Beratungsunternehmen Roland Berger, später selbstständig. "In den letzten sieben, acht Jahren habe ich überwiegend Projekte im Gesundheitsmarkt geleistet", sagt er, „und habe mir so die Kompetenz für die Geschäftsführung angeeignet“

Dabei hatte er zuerst ganz andere Pläne. "Mein erstes Ziel war es, Lehrer zu werden - für Englisch und Sport", erklärt der 47-Jährige. Nach drei Semestern entschied er sich dann um. "Meine Entscheidung zum Wechsel damals wurde maßgeblich von meinem leistungsorientierten Ruderumfeld geprägt."

1990 schlug er so den Weg in Richtung Studium der Wirtschaftswissenschaften ein. "Da war ich schon 24 und musste beschleunigen", stellt Dirk Balster fest. Es war einer der Gründe, wieso er dann 1992 im Alter von 26 Jahren relativ jung die Ruderkarriere beendete. "Vordiploms- und Diplomklausuren lagen in der Regel immer in den Wettkampfphasen."

Balster blickt zufrieden auf die Zeit als Leistungssportler zurück. Das erste Mal im Ruderboot saß er 1982 in Dorsten. "Das war noch eine andere Zeit", erinnert er sich. "Wir sind mit dem Fahrrad zum Training gefahren und haben Achter und Vierer trainiert. Der Mannschaftssport stand im Vordergrund. Außerdem gab es in Dorsten nicht genügend Kleinboote". Damals war er 16. Drei seiner Kumpels waren bereits im Ruderverein. Drei andere kamen mit ihm vom Dorstener Schwimmverein. Eine eingeschworene Trainingsgruppe entstand damals unter der Anleitung von Trainer Jochen Pöpperl im Ruderverein Dorsten. Dieser brachte neben seinen eigenen ruderischen Erfahrungen eine Vielzahl unkonventioneller Trainingsmethoden vom Boxen, Radfahren und Bergsteigen mit ein.

Deutscher Jugendmeister im Achter

Für Dirk Balster hat es auf Anhieb gepasst und schon 1984 gewann er den ersten größeren Titel: Deutscher Jugendmeister im Achter. "Wenn ich auf irgendeinen Erfolg besonders stolz bin, dann darauf: Jugendmeister im Achter und alle Ruderer kamen aus einem Verein, der nicht viel mehr als 70 Mitglieder hatte." Weitere Titel sollten folgen.

1988 allerdings, als der Achter in Seoul die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen gewann, stand seine Karriere auf der Kippe. Rückblickend war es wohl sein eigener Ehrgeiz, der ihm die Teilnahme verwehrte. "Wir hatten zu viel und falsch trainiert. Danach habe ich mich gefragt: Mache ich weiter oder höre ich auf? Und wenn, was muss ich anders machen?" Es war ein prägendes Erlebnis. "Für die Folgejahre war es wichtig, aus dieser Niederlage zu lernen."

Mit neuem Zweier-Partner kam dann auch ein neuer Schwung. Drei Jahre lang haben er und seine Teamkameraden im Achter fast alles gewonnen, was es zu gewinnen gab. Nur zwei Niederlagen mussten sie hinnehmen. Sie sicherten sich die Weltmeisterschaftstitel in Serie. "Es war eine super Zeit. Jedes Jahr war anders und jedes war besonders."

"Wir wollten einmalig sein"

Heute vergleicht er sich mit dem Achter der vergangenen vier Jahre. "Wir wollten damals einmalig sein. Drei Mal die WM in Folge zu gewinnen, war einzigartig - bis zum vorletzten Jahr." Für die jungen Ruderer waren wir lange Zeit die goldene Generation. “Aber als solche wurden wir spätestens im letzten Jahr sehr eindrucksvoll abgelöst und übertrumpft.“

Er freut sich über die Erfolge seiner Nachfolger, doch einen kleinen Stachel haben sie ihm schon verpasst. "Worüber ich wirklich ärgerlich bin, ist, dass sie uns auch noch den Henley-Rekord genommen haben." 1989 war der Deutschland-Achter nach 5:58 Minuten im Ziel. Im Jahr 2011 unterbot die neue Besatzung diesen Streckenrekord um eine Sekunde. "Wir hatten fast ein Vierteljahrhundert die Bestzeit inne. Den Rekord hätten sie uns ruhig lassen können."

Mittlerweile hat er auch dies verkraftet. Begeistert ist er aber immer noch von den Fähigkeiten, die man sich als Leistungsruderer angeeignet hatte: "Mit den Laktatwerten am Ende eines Rennens würde man bei uns im Krankenhaus sofort auf die Intensivstation gebracht werden. Auf den letzten Metern wird man blind, taub und gefühllos und trotzdem kann man sich aufeinander verlassen. So etwas schweißt zusammen. Aus der Zeit im Ruderboot hat Balster noch immer viele enge Freundschaften.  

Das olympische Jahr 1992, welches nach drei Weltmeistertiteln zur Krönung seiner Laufbahn werden sollte, verlief ebenso wie schon 1988 anfänglich sehr schwierig, Am Ende startete er im Vierer ohne und verpasste im Finale mit 15 Hundertstel Sekunden knapp eine olympische Medaille. "Wir hatten eine eingeschworene Mannschaft und eine tolle Zeit auf den Spielen. So konnte ich mit ruhigem Gewissen meine Karriere beenden." Schließlich sei es wichtig, nicht mit Enttäuschungen aus dem Leistungssport auszuscheiden.

Jetzt coacht er selbst

Warum nach den Erfolgen der Vorjahre im olympischen Jahr 1992 der Erfolg ausblieb, erklärt Balster so: „Nach der Wiedervereinigung von BRD und DDR war die Auswahl von Athleten doppelt so groß. Viele sind durchgedreht", sagt Balster. Heute könnte er so eine Situation womöglich selbst besser bearbeiten. Bis heute coacht er gemeinsam mit Christian Dahlke Manager und andere Entscheider darin, Teamprozesse (www.ruderteam.de) zu optimieren. "Unser Ziel ist es, genauso wie im Ruderachter dafür zu sorgen, dass das Teamergebnis besser ist als die Summe der Einzelleistungen und aufzuzeigen, dass in einem Team jede Position ihre spezifische Aufgabe hat und jede Position von gleicher Bedeutung ist. Dies ist nur möglich, wenn alle das gleiche Ziel vor Augen haben."

Zusammen mit dem mehrfachen Weltmeister im Leichtgewichtsachter Dahlke vermittelt Balster das nötige Wissen, um Problemlösungsstrategien aus dem Boot ins Unternehmen zu übertragen. "Im Achter 1992 zum Beispiel hatten alle unterschiedliche Vorstellungen vom Rudern. Es gab gestörte Hierarchien. Aber das Ziel muss ein kollektives sein und das individuelle Ziel überragen."

Dirk Balster selbst hat bis zu seinem Dienstantritt in Chemnitz noch regelmäßig in seiner Wahlheimat Hamburg gerudert. Aktuell steht allerdings der Beruf derart im Vordergrund, dass er kaum Zeit hierfür findet. "Ich habe eine sehr spannende Aufgabe und es gibt noch viele Gestaltungsmöglichkeiten." Das deutsche Gesundheitssystem verlange kontinuierliche Effizienzsteigerungen. "Es muss immer alles schneller und kostengünstiger gehen. Wenn 65.000 stationäre Patienten pro Jahr behandelt werden, geht es jedoch primär um die medizinische Versorgungssicherheit und um Menschen. Gleichzeitig habe ich mit 5.000 Mitarbeitern auch eine gesellschaftliche Verantwortung.“ Eine stabile ökonomische Situation ist die Voraussetzung für das Erreichen dieser Ziele.

Die Erfahrungen, die er im Rudersport und in der freien Wirtschaft gesammelt hat, helfen ihm dabei, den richtigen Weg zu finden. Und wenn er vollends im neuen Job angekommen ist, will er auch mal wieder rudern gehen. "Ich werde mich mal in Dresden bei Dieter Grahn vorstellen“, sagt er. Es wäre wohl der ideale Ausgleich.

24.08.13 I von Oliver Körting