Am heutigen Monag fliegt das Team Deutschland-Achter in diesem Winter ins dritte Trainingslager. Diesmal geht es bis zum 9. März ins spanische Sevilla. Im Interview spricht Bundestrainer Ralf Holtmeyer über die aktuelle Vorbereitung, Überraschungsteams und darüber, wieso Harmonie keinen Erfolg bringt. Herr Holtmeyer, der Kanal ist immer noch bedeckt mit haufenweise Eisschollen. Wie froh sind Sie, dass es jetzt wieder ins Trainingslager geht? Ralf Holtmeyer: Naja, Trainingslager ist Trainingslager. Wir haben bereits zwei Stück hinter uns. Für mich ist wichtig, dass alle beisammen sind und der Rhythmus für alle der gleiche ist. Nett ist natürlich die Abwechslung. In Spanien haben wir gutes Wetter: Es sind im Moment 19 Grad. Wir können uns in der Freizeit vielleicht auch mal die schöne Stadt anschauen. Die Vorbereitung auf Olympia läuft auf Hochtouren. Welche Probleme kann es in der Vorbereitung jetzt noch geben? Ralf Holtmeyer: Länder wie wir haben jetzt Probleme mit dem Wetter. Ein kalter Winter und Eis im Kanal bringen Schwierigkeiten. Wir haben jetzt drei oder vier Wochen nicht gerudert, außer am Ergometer. Wenn wir aus Sevilla wieder kommen, sollte das Eis aber weg sein. Trainieren Sie in der Vorbereitung auf London jetzt schon anders? Ralf Holtmeyer: Im Moment machen wir viel Ausdauer. Am Ende des Trainingslagers geht es dann ans Eingemachte. Wenn man zu früh zu spezifisch trainiert, ist die Leistung in der Saison nicht mehr drin. Man darf im Olympia-Jahr auch nicht alles anders machen. Die beste Voraussetzung für einen Erfolg ist die Stabilität - auch in den Jahren zuvor. Sind Sie zufrieden mit der bisherigen Vorbereitung? Ralf Holtmeyer: Im Großen und Ganzen schon. Wir hatten nur zu viele Infekte im Januar. Das stört natürlich. Mit welchen Mitteln versuchen Sie zu gewährleisten, dass die Stabilität da ist und die Ruderer als Mannschaft harmonieren? Ralf Holtmeyer: Wir haben die Gruppe ja über Jahre ausgewählt. Dabei geht es auch darum, wie die Ruderer in die Mannschaft passen. Wir legen unser Augenmerk auf drei Punkte: Die physische Mindeststärke, die Leistung im Kleinboot und die Teamfähigkeit. So eine Mannschaft muss offen sein. Dass bei den Weltmeisterschaften jeweils zwei Ruderer gewechselt wurden, war zum Beispiel reiner Zufall. Wie viel Bauchgefühl benötigt man bei der Zusammenstellung einer Mannschaft? Ralf Holtmeyer: Man muss immer erst ein Gefühl für die gesamte Mannschaft bekommen. Bei manchen sieht man sofort, wenn sie sich nicht wohl fühlen. Es ist immer eine Mischung zwischen Gefühl und Wissen. Es heißt, als Ruderer müsse man besonders hart sein. Wie hart müssen Sie als Trainer sein? Ralf Holtmeyer: Was heißt hart? Man muss eine gewisse Härte mitbringen, klar. Die Jungs machen aber schon etwas Besonderes. Die machen ja mehr als ein durchschnittlicher 25-Jähriger und die bekommen nichts dafür. Aber trotzdem muss man manchmal ein paar Sachen einfach durchziehen. Das sind ja nur kurze Abschnitte in ihrem Leben. Vielleicht waren wir in der Vergangenheit an manchen Stellen nicht entschlossen genug. Erfolg verträgt sich eben nicht immer mit Harmonie zwischen Trainer und Mannschaft. Die Ruderer sagen, mit ihrer Erfahrung können Sie ein Boot sehr genau lesen. Wie gehen Sie von außen auf die kleinsten Änderungen der Schlagdetails im Boot ein? Ralf Holtmeyer: Das ist manchmal auch Bauchgefühl. Die Erfahrung spielt natürlich ein Rolle. Aber wir rudern mehr als 200 Kilometer pro Woche. Da kommen natürlich bei dem einen oder anderen Schwankungen rein. Da muss man dann sehen, ob es Ermüdung, das Wetter oder andere Faktoren sind. Wir sind mit unserem Team außerdem ja sehr modern: Wir haben für die Mannschaft auf dem Wasser noch eine ganze Mannschaft an Land, die sie betreut und sich um sie kümmert. Der Deutschland-Achter ist nun seit über drei Jahren ungeschlagen. Genießen Sie denn die Rolle des Gejagten? Ralf Holtmeyer: Ich fühle mich nicht so. Ich glaube, dass die Engländer die Favoriten sind. Die werden bei den Olympischen Spielen im eigenen Land noch stärker sein. Außerdem haben die viel mehr Mittel. Die Engländer waren über die vergangenen Jahre überall in den drei Riemenbootsklassen Achter, Vierer, Zweier die Stabilsten. Auch die Kanadier und Holländer haben gute Vorstellungen gezeigt. Man muss außerdem immer mit einem Außenseiter rechnen. Die Amerikaner zum Beispiel sind noch nicht qualifiziert. Aber wenn sie es noch schaffen, dann sind sie auch für eine Überraschung gut. Viele Nationen werden ab jetzt immer noch stärker und legen noch eine Schippe drauf. Wie sehen sie das Leistungsniveau Ihrer Mannschaft, werden wir wie in den vergangenen drei Jahren beim Achter wieder die deutsche Nationalhymne hören? Ralf Holtmeyer: Wir versuchen alles, um es zu schaffen. Der Erfolg von 1988 beispielsweise war nicht zu erwarten. Wir waren gut drauf, aber die Goldmedaille war nicht zu erwarten. Das Olympia-Jahr steht immer unter einem besonderen Stern. Ich glaube, wir mischen da im Moment gut mit. 20.02.12 I Interview: Oliver Körting
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