Leistung messen, überwachen und optimieren


Nach dem Ergometertest entnimmt Leistungsdiagnostiker Gerold Heyden kleine Blutproben am Ohrläppchen der Sportler, hier bei Filip Adamski.


Volker Grabow

Steckbrief Volker Grabow

Steckbrief Gerold Heyden

 

 

Vorgestellt: Das Team hinter dem Team

Teil 4: Leistungsdiagnostik

In unserer Serie „Vorgestellt: Das Team hinter dem Team“ wollen wir bis zu den Olympischen Spielen 2012 die Personen vorstellen, die die Ruder-Mannschaft maßgeblich auf dem Weg nach London unterstützen.

Die Ruderer aus dem Team Deutschland-Achter können auf dem Ruder-Ergometer mehr als 500 Watt ziehen und diese Leistung über zwei Kilometer halten. Woher nimmt ihr Körper die Energie für diese Höchstleistungen? Und wie kann man die Leistung des Einzelnen messen, beobachten und gezielt verbessern?

Volker Grabow und Gerold Heyden sind als Leistungsdiagnostiker für die deutschen Leistungs-Ruderinnen und Ruderer verantwortlich: In regelmäßigen Abständen untersuchen sie mit verschiedenen Testverfahren den individuellen Leistungsstand und liefern dadurch Ansatzpunkte für ein zielorientiertes Training.

Kraft und Ausdauer in Balance
„Rudern ist ein Kraft-Ausdauer-Sport. Im Rennen brauchen Ruderer viel Kraft und müssen diese über eine längere Distanz halten können“, erläutert Volker Grabow. „Unsere Athleten sind keine Marathonläufer aber auch keine Sprinter.“ Wie stark die beiden Komponenten – Kraft und Ausdauer – jeweils ausgeprägt sind und an welchen Stellen man optimieren kann, das untersuchen die beiden Leistungsdiagnostiker am Dortmunder Stützpunkt sowie in den verschiedenen Trainingslagern.

Als ehemaliger Gewichtheber und Lehrer für Sport, Biologie und Technik betreut Gerold Heyden die Ruderer zusätzlich zur Leistungsdiagnostik im Kraftraum: Von wertvollen Tipps beim Krafttraining profitieren besonders die jungen Nachwuchs-Leistungssportler.

Für die Überprüfung der Ausdauerleistung ist Volker Grabow vorrangig zuständig. An der Technischen Universität Dortmund ist der 55-Jährige seit 1993 als Sportwissenschaftler tätig. Zuvor konnte er als Ruderer selbst große Erfolge feiern: Zwei Weltmeistertitel im Vierer ohne Steuermann, die Bronzemedaille bei den Olympischen Spielen in Seoul 1988 sowie mehrere Top-Platzierungen bei Weltmeisterschaften. Zusammen mit seinen früheren Mannschaftskollegen Norbert Keßlau, Jörg Puttlitz und Guido Grabow – in den 80er-Jahren als „Ruhr-Vierer“ bekannt – steigt Volker Grabow heute noch gern und regelmäßig ins Ruderboot.

Alle sechs Wochen Stufentest
Vornehmlich auf dem Ruder-Ergometer wird heute die Ausdauerleistung der Sportler gemessen. Ein probates Mittel ist der sogenannte „Stufentest“. „Hier fahren die Athleten drei Stufen auf dem Ergometer: Jeweils acht Minuten lang bei ca. 50, 60 und 70 Prozent der individuellen Wettkampfleistung, das sind im Durchschnitt 250, 300 und 350 Watt“, erklärt Grabow. „Das sind Stufen, die den Köper nicht allzu sehr belasten. Daher können wir einen solchen Test ca. alle sechs Wochen durchführen, um die Ausdauer-Leistungsentwicklung zu beobachten.“

Während des Tests entnehmen die Leistungsdiagnostiker kleine Blutproben am Ohrläppchen der Sportler. Diese werden dann auf die Lactatkonzentration – Lactat ist das Salz der Milchsäure – untersucht. „So können wir ausrechnen, wie hoch die Beanspruchung ist und wie viel Energieanteile aerob bzw. anaerob realisiert werden müssen“, berichtet Grabow. Ziel ist es, herauszufinden, wo die aerobe Energiebereitstellung – komplett durch Sauerstoffverbrauch abgedeckt – durch die anaerobe Energiebereitstellung ergänzt wird. Die anaerobe Energiebereitstellung liefert zusätzliche Energie; allerdings mit dem Nachteil, dass die Lactatkonzentration steigt und ab einem bestimmten Wert unweigerlich zum Abbruch der Muskelkontraktionen führt.

Das Training optimal steuern
Zusätzlich zum Stufentest unterziehen sich die Leistungssportler regelmäßigen Ergometer-Tests über die Renndistanz von zwei Kilometern. Außerdem entnehmen die Leistungsdiagnostiker Blutproben während des Trainings im Ruderboot – zum Beispiel wenn Belastungsstrecken gefahren werden. Die Testergebnisse verdeutlichen die Leistungsfähigkeit im Mannschaftsboot und dienen beim Team Deutschland-Achter zur Trainingssteuerung durch die Trainer Ralf Holtmeyer und Werner Nowak.

„Die Summe aller Einzelleistungen bestimmt natürlich nicht die Leistung des gesamten Bootes“, weiß der Sportwissenschaftler Volker Grabow. „Sie ist jedoch eine notwendige Bedingung für den Erfolg. Schließlich muss jeder Einzelne auf dem Ruder-Ergometer stark sein. Und genau daran kann man arbeiten. Unsere Ergebnisse ermöglichen den Trainern, frühzeitig zu reagieren, falls die vorgegebenen Ziele nicht erreicht werden.“

Besonders für junge Sportler ist die Leistungsdiagnostik zur Trainingssteuerung wichtig. „Nur wenn die Belastung stimmt, können junge Ruderer optimal trainieren und sich gezielt verbessern. Daher ist die Betreuung des Nachwuchses neben der Betreuung des Teams Deutschland-Achter eine unserer wichtigsten Aufgaben“, sind sich die beiden Leistungsdiagnostiker einig.

29.03.12 I von Lena Reil